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Bienenwachskerzen im Mittelalter

von Th. Müller - Dezember 2007

Sie giengen uf ein palas
hundert krone da gehangen was,
vil kerzen druf gestoßen,
obe den husgenozen,
kleine kerzen umbe an der want…

Sie gingen in den Palast hinein.
Hundert Kronleuchter hingen dort,
viele kerzen aufgesteckt
über den Hausgenossen,
kleine Kerzen ringsum an der Wand…

(Ritterepos „Parzival“, Wolfram von Eschenbach, um 1170 bis 1220)

 

Dort und auch in anderen Dichtungen werden Kerzen ausdrücklich als Teil der Pracht eines königlichen Palastes geradezu hervor gehoben. Echte Bienenwachskerzen waren durch die Zeit des gesamten Mittelalters hindurch etwas ganz Besonderes und vor allem außerordentlich Teures, das sich allenfalls Klöster, die Kirche und Fürstenhäuser, sprich der Hochadel leisten konnten. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung behalf sich mit Feuerstelle, Kienspänen und Talgkerzen als Beleuchtung. Diese rochen aber ranzig und rußten stark, weil die Gewinnung des Talgs durch das Auslassen tierischen Fetts wie z.B. Rinder- oder Hammeltalgs erfolgte.

Kerzen aus Bienenwachs waren also neben anderen Dingen ein echtes Statussymbol wie heute ein teures Auto vor der Tür.

 

Wer machte Bienenwachskerzen?

Kerzen aus teurem Bienenwachs gab es ausschließlich in Klöstern, Kirchen und Fürstenhäusern. Um den großen Verbrauch der Klöster zu decken, sind sie in den meisten Fällen wohl von Laienbrüdern und Knechten nebenbei im Klosterbetriebsdienst gemacht worden. Das Kloster Corbie in Frankreich kaufte im Jahr 1036 auf den Märkten von Cambray ganze 6 Zentner Wachs!

In einigen Fällen sind auch handwerksmäßige Kerzenmacher in den Klöstern nachweisbar. In einer Urkunde des Stifts Essen von 1164, die eigentlich einen Streitfall behandelt, taucht ein Wiberti „cerariorum magistri“ (Meister der Wachsarbeiten) auf, dem Gehilfen unterstellt waren. Dieser Umstand deutet aber auf einen größeren Kundenkreis hin als nur das Stift Essen, belegt ist dies aber nicht.

Ein Mann zündet ein Feuer an, um wegen des Rauchs die Bienen vorübergehend zu vertreiben

Für die Kirchen waren es die angestellten Küster, die die Pflicht hatten, für die Beschaffung der nötigen Kerzen zu sorgen und höchstwahrscheinlich haben sie sie auch selbst hergestellt.

 

Mittelalterliche Kerzenproduktion

Anfangs musste man sich der Waben im Inneren der Bienenstöcke wilder Bienenvölker bemächtigen. Schon zu Kaiser Karls Zeiten begann man neben der Zeidlerei in den Wäldern auch Hausbienen zu halten, wie dies im Mittelmeerraum bereits üblich war. Es war einfach bequemer, die Bienenvölker in nächster Nähe menschlicher Siedlungen zu haben als draußen im Wald auf hohe Bäume zu klettern.

Bevor der Wachs zu Kerzen verarbeitet wurde, bleichte man ihn. Der Rohwachs wurde erst in Wasser gekocht, um ihn von allen fremden Bestandteilen zu reinigen. Dann ließ man ihn erkalten, nahm den Wachs aus dem Wasser und walzte oder schnitt ihn in dünne Platten, die man der Luft und dem Sonnenlicht aussetzte, bis sie hell wurden. Sicherlich wurde aber auch ungebleichter Wachs verarbeitet.

Die Kerzen wurden hergestellt, indem man einen geflochtenen Docht aus Leinen oder Hanf immer wieder in heißen Wachs tauchte oder die Dochte an einem Stock aufhängte und den flüssigen Wachs von oben her auf die Dochte goss. Die regelmäßige Form wurde durch Rollen auf einem Tisch o.Ä. erzielt.

Neben Pfeffer war Bienenwachs, wie alles Wertvolle, ein bedeutender Handelsartikel. 1192 waren Kaufleute aus Regensburg, Ulm, Köln, Aachen und Mastricht auf dem Markt in Ems (Steiermark), einem wichtigen Umschlagplatz für Wachs, um auf den dortigen Märkten Wachs einzukaufen. In kleineren Mengen handelten aber auch die Lebzelter mit Wachs und standen so in Konkurrenz mit den Krämern. Lebzelter sind belegt als Männer, die die Tätigkeiten des Metsieders, Kerzenmachers und Lebkuchenbäckers in Personalunion ausführten, da man vermutlich von einer der drei Dinge nicht leben konnte.

 

Quellen

Lexikon des alten Handwerks, Reinholt Reith, S. 144 ff.

Wachs- Volkskunst und Brauch, Ursula Pfistermeister

rittertum.de

manuratte.de.vu